34 % seit 2019: Wie sich die Kaufpreisvorstellungen im deutschen Mittelstand verändert haben

12.06.2026 · Frankfurt am Main

Im aktuellen Nachfolge-Monitoring Mittelstand der KfW Research, veröffentlicht im Januar 2026, findet sich eine Zahl, die für jeden Eigentümer mit Verkaufsabsichten Aufmerksamkeit verdient. Die durchschnittlichen Kaufpreisvorstellungen mittelständischer Unternehmer für eine angestrebte Übergabe sind seit 2019 um rund 34 Prozent gestiegen, von 372.000 auf 499.000 Euro. Preisbereinigt entspricht das einem realen Wertplus von 9,5 Prozent, deutlich oberhalb der reinen Inflationsentwicklung. Die Erhebung basiert auf dem repräsentativen Mittelstandspanel mit mehr als 13.000 befragten Unternehmen und ist die erste Aktualisierung dieser Datenreihe seit sechs Jahren.

Hinter dem Schlagzeilenwert verbirgt sich allerdings ein deutlich differenzierteres Bild, das für die individuelle Verkaufsvorbereitung erheblich relevanter ist als der Gesamtdurchschnitt.

Der Durchschnitt verdeckt erhebliche Branchenunterschiede

Die Spannweite der sektoralen Veränderungen reicht von +22 Prozent im Einzel- und Großhandel bis zu +62 Prozent im sonstigen Verarbeitenden Gewerbe. Dazwischen liegen die FuE-intensive Industrie und die Bauwirtschaft mit jeweils +51 Prozent, gefolgt von den wissensintensiven Dienstleistungen mit +46 Prozent. Erst danach folgt der Mittelstand-Durchschnitt von +34 Prozent. Die sonstigen Dienstleistungen liegen mit +32 Prozent knapp darunter, der Einzel- und Großhandel mit +22 Prozent deutlich.

Diese Spreizung von 40 Prozentpunkten zwischen stärkstem und schwächstem Sektor zeigt, dass die Aufwertung des Mittelstands seit 2019 alles andere als gleichförmig verlaufen ist. Ein industrieller Mittelständler, der seine letzte Bewertung aus dem Jahr 2019 zu Rate zieht, unterschätzt den heutigen Wert seines Unternehmens systematisch und potenziell erheblich. Ein Inhaber im Einzelhandel sollte vorsichtiger extrapolieren. Eine generische Anwendung der Schlagzeilenzahl von 34 Prozent auf das eigene Unternehmen führt in beiden Fällen zu einer Fehleinschätzung.

Verarbeitendes Gewerbe als Treiber

Dass die Industrie die stärksten Zuwächse verzeichnet, hat strukturelle Gründe. Industrielle Mittelständler verfügen häufig über Anlagevermögen, geistiges Eigentum und langfristige Kundenbeziehungen, die in einem Umfeld steigender Wiederbeschaffungskosten an Bewertungsrelevanz gewinnen. Hinzu kommt die zunehmende Aktivität strategischer Käufer und Finanzinvestoren in industriellen Buy-and-Build-Strategien, die die Nachfrage nach soliden Mittelstandsbetrieben strukturell stützt.

Die Bauwirtschaft mit einem Anstieg von 51 Prozent profitiert von ähnlichen Effekten und wird zusätzlich durch öffentliche Investitionen in Infrastruktur und Energiewende gestützt. Im Dienstleistungssektor zeigt sich eine typische Spreizung. Wissensintensive Dienstleistungen, die häufig auf qualifizierte Mitarbeiter, etablierte Methoden und wiederkehrende Erlösströme aufbauen, verzeichnen einen Anstieg von 46 Prozent und liegen damit deutlich über dem Mittelstandsdurchschnitt. Der breitere Dienstleistungssektor bewegt sich nahe der Gesamtlinie. Der Einzel- und Großhandel bildet das untere Ende, vermutlich infolge struktureller Belastungen durch den Wandel im stationären Handel und das veränderte Konsumentenverhalten.

Der Median erzählt eine eigene Geschichte

Ein Datenpunkt der KfW-Erhebung verdient gesonderte Aufmerksamkeit. Während der Mittelwert der Kaufpreisvorstellungen um 34 Prozent gestiegen ist, hat sich der Median im gleichen Zeitraum von 175.000 auf 375.000 Euro mehr als verdoppelt, ein Plus von 114 Prozent. Die Differenz zwischen Mittelwert und Median ist erheblich enger geworden. 2019 lag der Mittelwert beim 2,1-fachen des Medians, heute beträgt das Verhältnis 1,3.

In der praktischen Interpretation bedeutet das, dass die deutlichste Aufwertung in der breiten Masse der kleineren und mittleren Unternehmen stattgefunden hat, weniger in den Spitzenbewertungen großer Mittelständler. 2019 wollten sich 18 Prozent aller Mittelständler mit einem Verkaufspreis unter 50.000 Euro zufriedengeben, heute sind es nur noch 5 Prozent. Gleichzeitig ist der Anteil derer, die mehr als eine Million Euro erzielen möchten, von 18 auf 27 Prozent gestiegen.

Diese Verteilungsverschiebung deutet auf ein verändertes Selbstverständnis hin. Mittelständische Eigentümer schätzen den Wert ihres Lebenswerks selbstbewusster ein als noch vor sechs Jahren, vermutlich gestützt durch ein verbessertes Informationsangebot zu Bewertungsmethoden, breitere mediale Berichterstattung über M&A-Aktivitäten im Mittelstand und die Erfahrung erfolgreicher Verkäufe im eigenen Branchenumfeld.

Was das für Eigentümer in der Verkaufsvorbereitung bedeutet

Drei Implikationen ergeben sich aus diesen Daten konkret für jeden, der in den kommenden Jahren einen Verkauf erwägt.

Erstens bleibt die letzte Bewertung aus dem Jahr 2019 oder davor als Orientierung heute nur noch eingeschränkt belastbar. Wer seine letzte ernsthafte Werteinschätzung vor sechs Jahren erstellen ließ, sollte vor der nächsten strategischen Entscheidung eine Aktualisierung in Auftrag geben. Das gilt auch dann, wenn das Geschäft seither stabil verlaufen ist, denn ein erheblicher Teil der Aufwertung erklärt sich aus veränderten Marktmultiples, nicht aus operativem Wachstum.

Zweitens haben sich branchenspezifische Multiples in den vergangenen Jahren deutlich auseinanderbewegt. Eine generische Bewertungsformel ist heute weniger aussagekräftig als eine, die sich auf vergleichbare Transaktionen im gleichen Sektor stützt. Das gilt für Käufer wie für Verkäufer und macht die Wahl eines branchenkundigen Beraters wichtiger, als sie es vor wenigen Jahren noch war.

Drittens erhöht die Verteilungsverschiebung den Wettbewerbsdruck unter Verkäufern. Wenn mehr Mittelständler höhere Preise erwarten, treffen sie auf einen Käufermarkt, der seine eigenen Benchmarks gut kennt. Eine professionell vorbereitete Verkaufsdokumentation und ein strukturierter Prozess gewinnen unter diesen Bedingungen weiter an Bedeutung. Ohne fundierte Bewertungsbasis lassen sich gestiegene Erwartungen in Verhandlungen kaum durchsetzen.

Bewertung als Prozessbeginn

Die KfW-Daten unterstreichen, was sich in unserer eigenen Beratungspraxis seit Jahren zeigt. Eine fundierte, branchenspezifische Bewertung gehört früh in jeden Verkaufsprozess, idealerweise als erster strukturierter Schritt nach der grundsätzlichen Verkaufsentscheidung. Sie schafft die Grundlage für realistische Erwartungen, eine professionelle Käuferansprache und eine Verhandlungsposition, die auf belastbaren Vergleichsdaten ruht.

Für viele Inhaberinnen und Inhaber ist die Bewertung ihres Unternehmens zugleich eine emotionale Frage. Es geht um das Lebenswerk, um die Anerkennung jahrzehntelanger Aufbauarbeit. Eine sorgfältige Bewertung, die Marktdaten und unternehmensspezifische Faktoren zusammenführt, ist deshalb mehr als eine technische Übung. Sie ist die Grundlage dafür, dass die Übergabe des Unternehmens dem entspricht, was die Investition über Jahrzehnte verdient hat.